Was heißt eigentlich „wie geht es dir“ in verschiedenen Ländern?


Kürzlich bin ich auf ein Video auf Social Media gestoßen, in dem ein Deutscher auf der Straße gefragt wurde, wie es ihm geht. Daraufhin hat er ausführlich von seiner aktuellen Lebenssituation berichtet und über seine persönliche Probleme erzählt. Der Amerikaner, der ihm die Frage gestellt hat, sah sehr fassungslos aus, weil er nicht mit dieser ehrlichen und detaillierten Antwort gerechnet hatte. “Nach einer einfachen Begrüßung bekomme ich so eine so ausführliche Antwort?” wunderte er sich. Es war ihm zu nah und am Ende ist der Fragende in Panik geflohen.

Dieses Video hat interessante Diskussionen aus der ganzen Welt ausgelöst. Hier ein paar Beispiele der internationalen Kommentare: “Als Amerikaner freue ich mich wirklich, dass die Menschen hier die Frage auch so ehrlich beantworten. Ich möchte Leute richtig kennenlernen, auch wenn sie nur ein Fremder sind. Ich mag Smalltalk oder falsche Nettigkeiten überhaupt nicht. Wenn jemand anfangen würde, mir die aktuellen Geschichten aus seinem Alltag zu erzählen, wäre ich sehr froh und ich würde sofort damit aufhören, was ich gerade mache und ihm zuzuhören.” Jemand aus aus Mexiko hat auch mit Humor das Video kommentiert: “Als Mexikaner lieben wir es, Fremden zuzuhören, wenn jemand uns erzählt, was ihn gerade beschäftigt. Wir geben ihm gerne Ratschläge und erheitern ihn mit schlechten Witzen.”

Dieses Video spiegelt wider, dass die Begrüßung “wie geht es Dir?” aufgrund kultureller Prägungen weltweit eine unterschiedliche Bedeutung und einen unterschiedlichen Stellenwert hat. In einigen Ländern ist “wie geht es dir” nur eine übliche Begrüßung und höfliche Floskel, auf die man keine tiefgründige Antwort erwartet und wird auch sehr häufig in Gesprächen zwischen Fremden verwendet. Der Inhalt des Gesprächs bleibt meistens auch nur an der Oberfläche. In anderen Ländern ist “wie geht es Dir” eine Frage, die von den Menschen zur Begrüßung sehr selten gestellt wird. In Taiwan, dem Land aus dem ich komme, fragen die meisten Menschen statt “Wie geht es Dir? “Hast Du schon gegessen?” wenn sie andere begrüßen möchten. 

In Deutschland hingegen versteht man die Frage “Wie geht es Dir?” nach meinen persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen ernsthafter. Wenn man sich nicht zumindest ein bisschen kennt, wird man die Frage nicht stellen. Deswegen glaube ich, weil diese Frage normalerweise nur in Gesprächen zwischen Menschen, die einander schon kennen, auftaucht, dass man normalerweise auch offener und wahrheitsgemäßer antwortet. Wenn man “wie geht es Dir? ”fragt,  zeigt man dem Gesprächspartner das Interesse und die Bereitschaft, zuzuhören. Die Art und Weise, wie man antwortet, hängt von der Tiefe der Beziehung zu dem Gegenüber ab. Je vertrauenswürdiger der Gesprächspartner Dich einschätzt und mag, desto ehrlicher, ausführlicher und tiefgründiger wird er auf die Frage antworten.

Dazu mein persönlich erlebtes Beispiel: Ich habe einmal eine deutsche Freundin gefragt, wie es ihr geht. Ganz unerwartet ist sie plötzlich weinend zusammengebrochen und mir sofort ihre wahre Gefühle offenbart. Sie hat mir ausführlich erzählt gesagt, wie es ihr in den letzten Tagen ging. Ich habe ihr lange zugehört und zum Schluss umgearmt. Ich habe den Eindruck, dass die Frage “Wie geht es Dir?”  in Deutschland nicht nur eine einfache Begrüßung ist, sondern man mit dieser Frage auch Zuneigung, Nähe und Verbindung ausdrücken kann. Dieser Satz bietet auch an, unseren Nächsten rechtzeitig eine emotionale Unterstützung zu geben.

Seitdem ich in Deutschland wohne, habe ich mich selber öfter gefragt, wie es mir geht, als in es in Taiwan der Fall war. Diese Frage gibt mir die Möglichkeit, meinen aktuellen emotionalen Zustand zu erkennen und zu verstehen. Natürlich habe ich auch gelernt, die Menschen um mich herum kulturgerecht zu begrüßen. Jedes Mal, wenn ich anderen diese Frage stelle, bin ich bereit, auch ihnen wirklich zuzuhören.

Verfasst von Shuyi Yang, Intercultural Success