Kritische Betrachtung des Kulturmodels von Herrn Professor Hofstede am Beispiel von Russland


Geert Hofstede ist ein niederländischer Professor für Kulturwissenschaft, Sozialpsychologie, Organisationspsychologie, Anthropologie und Internationales Management an der Universität Maastricht. In den 1970er Jahren hat er die Unternehmenskultur von IBM untersucht. Dafür wurden 116 000 Mitarbeitern aus mehr als 40 Ländern über die arbeitsbezogenen Wertvorstellungen befragt. Das Ziel dieser Forschung war das Führungsverhalten von tausenden von Managern weltweit zu vergleichen und daraus zu schließen, warum bestimmte Ideen und Weltpraktiken in einigen Ländern besser funktionieren als in anderen. Die daraus entstandenen 6 Kulturdimensionen sind weltweit bekannt. Damit können die Wertvorstellungen in unterschiedlichen Ländern charakterisiert werden. Weiter in diesem Artikel vergleiche ich die Ergebnisse der Forschung von Professor Hofstede über Russland und analysiere, ob das Model mit der heutigen von mir als Russin subjektiv wahrgenommenen Realität übereinstimmt.

Es ist verständlich, dass nicht jede Person in der Kultur sich nach diesem Muster verhält, weil das Benehmen sich nicht nur regional, sondern auch je nach Persönlichkeit und Situation unterscheiden kann. 

Kulturelles Bild von Russland. Erfahrung einer Russin. 

Russland ist im Jahr 2022 der Fläche nach das größte Land der Welt. Auf den 17.098.242 Quadratkilometer wohnen Russen, Tataren, Ukrainer, Tschuwaschen, Weißrussen, Mordwinen, Usbeken, Tschetschenen, Armenier, Juden, Awaren (im Kaukasus) und sogar die Deutschen – insgesamt 144 Millionen Einwohner. Wie ihr sieht, ist die Population sehr bunt und unterschiedlich. Deswegen ist es sehr schwer ein querschnittliches Verhaltensmuster der Russen zu erstellen. Aus meiner Sicht unterscheidet sich die Kultur zum Beispiel im Kaukasus zu der Moskauer rasant. Weiterhin kann man beachten, dass die Lebensqualität in den wenigen russischen Großstädten ganz anders als in einer Provinz ist. Zuerst lasse ich euch in meine Erlebnisse eintauchen und zeige damit, wie unterschiedlich das Leben in Russland sein kann.

interkulturell unterwegs in Caucasus
Interkulturelle Kommunikation in Russland
Interkulturell unterwegs in Deutschland

Ich bin in Moskau aufgewachsen und habe in meiner Schulzeit die 3-monatigen Sommerferien oft bei meiner Oma in einem Dorf in der Nähe von Saratov verbracht. Schon damals waren diese zwei Orte für mich so unterschiedlich wie Mond und Erde. In Moskau kannte ich nicht mal alle Nachbarn aus demselben Stockwerk, im Dorf kannte ich fast jeden Bewohner von meiner Straße. In Moskau musste man einen Besuch der Freunde erst vereinbaren, im Dorf gab’s spontane Gäste. Mich hat damals sehr stark das Wasserproblem beeindruckt. Aus Moskau war ich daran gewöhnt heißes und kaltes Wasser rund um die Uhr zu haben. Und im Dorf? Es war mal Sommer, Hitze, 40 Grad im Schatten und kein Wasser, nirgendwo auf der Straße! Erst am Abend, als es kühler war, gab es die Möglichkeit das Wasser aus dem Brunnen zu holen, davor war der Wasserspegel im Brunnen zu niedrig. Diese Schilderung zeigt, dass ein städtischer Durchschnitt nicht die ländlichen Besonderheiten berücksichtigt. Die Bewohner einer Stadt können andere Werte und Bedürfnisse haben als die eines Dorfes. Aus diesem Grund halte ich es nicht für besonders sinnvoll die ganze russische Bevölkerung über einen Kamm zu scheren. Die Forschung von Herr Hofstede beschränkt sich auf die Mitarbeiter von IBM, die früher vom dem Unternehmen aufgrund ihrer Werte und Wohnorte gewählt wurden. Deswegen finde ich es schwer über die ganze Bevölkerung nach Hofstede-Modell zu urteilen. Jetzt tauchen wir etwas tiefer in die 6 Kulturdimensionen ein. 

Hofstede Modell – Machtdistanz in Russland. 

Die kulturellen Besonderheiten im Zusammenhang mit der Machtdistanz erscheinen in Familie, Schule, auf dem Arbeitsplatz und in vielen anderen Bereichen des Lebens. Mit 93 Punkten für die Machtdistanz sieht Herr Hofstede Russland als ein Land, in dem Hierarchie wichtig ist. In solchen Ländern wird von Kindern die Gehorsamkeit erwartet. In der Rolle der Autoritätspersonen stehen nicht nur die Eltern, sondern sogar die Geschwister. Die kleineren Kinder richten sich nach den älteren und lernen das respektvolle Verhältnis. Eltern werden bis zum Sterben respektiert und bekommen volle (auch finanzielle) Unterstützung ihrer Kinder. In der Schule wird das Rollenpaar Eltern-Kind durch das Lehrer-Schüler ersetzt und funktioniert nach denselben Regeln. Man behandelt die Lehrer mit Respekt, oft sogar mit Angst und erhebt sich, wenn sie in die Klasse kommen. Die Schüler sagen etwas, nur wenn sie dafür aufgefordert werden. Das stimmt mit der Realität überein. In Russland leben oft 3 Generationen zusammen: Eltern arbeiten, Großeltern kümmern sich um Enkelkinder. Die Ungehorsamkeit in der Schule und zuhause wird bestrafft. Der Nachwuchs kümmert sich um die Fürsorge für die Eltern, bzw. pflegt und unterstütz sie. Aus meiner Sicht liegt das nicht nur an den Werten, sondern auch an dem schlecht entwickelten Sozialsystem. Die Rente in Russland würde nicht zum Überleben reichen.   

Weiter erscheint die große Machtdistanz am Arbeitsplatz. Das ganze hierarchische System basiert auf den unterschiedlichen Rechten für Arbeiter und ihre Vorgesetzen. Die Gehaltspanne ist sehr groß, die älteren Vorgesetzen respektiert man mehr als die jüngeren, es ist unmöglich etwas gegen den Machtmissbrauch zu machen. Das spiegelt die Realität wieder. Es ist in der russischen Arbeitswelt wichtig „nicht über den Kopf zu springen“, d.h. alle Probleme können die Arbeiter nur mit ihrem nächstübergeordneten Chef regeln und nicht gleich mit dessen Chef. Fast die ganze Firmenkommunikation erfolgt dieser Machtreihenfolge nach. Der Angestellte kann mit seinen Problemen nicht zum obersten Chef gehen. Die Macht ist auch in den Kleinigkeiten sichtbar: nur der Chef kann den Brückentag frei nehmen. Es gibt öfter Fälle, wo die Frau nach der Elternzeit ihre Arbeitsstelle verliert und nichts dagegen tun kann. Die Kraft der Macht ist sogar im Verkehr sichtbar: die großen Autos werden auf der Straße respektiert, indem ihnen bei dem Wechsel der Spur die Vorfahrt gewährleistet wird.  

Individualismus vs. Kollektivismus 

Die zweite Dimension von Hofstede-Modell ist Individualismus vs. Kollektivismus. 

Für die Untersuchung dieser Dimension wurde den IBM-Mitarbeitern folgende Frage gestellt: „Versuchen Sie die Faktoren zu benennen, die für Sie bei Ihrer idealen Arbeit wichtig wären“. Laut den Ergebnissen sind die wichtigsten Arbeitskriterien in kollektivistischen Ländern die Fortbildung, physische Bedingungen (Lüftung, Beleuchtung usw.) und Anwendung der Fähigkeiten und Fertigkeiten. Eine geringere Rolle spielt dabei die Arbeit-Freizeit-Balance sowie die Freiheit Arbeit nach eigenen Vorstellungen zu gestalten und dabei auf Herausforderungen zu stoßen. 

Zu den Top individualistischen Ländern nach Hofstede gehören USA, Australien, Großbritannien und Kanada, Deutschland nimmt den 19 Platz mit 67 Punkten ein. Aus meiner Sicht sind diese Länder so gut entwickelt, dass die guten physischen Bedingungen am Arbeitsplatz dort selbstverständlich sind und deswegen können die Mitarbeiter höhere Ansprüche, wie zum Beispiel genügend Freizeit und Freiheit am Arbeitsplatz haben. 

Russland befindet sich in der Tabelle von Herrn Hofstede auf dem 39-40 Platz zusammen mit Jamaika. Mit 39 Punkten für Individualismus betrachtet Herr Hofstede Russland als ein eher kollektivistisches, gruppenorientiertes Land. In einem individualistischen Land kümmern sich die Menschen nur um sich selbst und ihre direkte Kleinfamilie, in einem kollektivistischen Land fühlt sich jeder einer Gruppe zugehörig und verlangt von ihr eine Loyalität. Das spiegelt sich in der Verteilung der Mittel innerhalb der Familie wieder: wenn nur ein Mitglied der Familie arbeitet, bekommen alle was davon (zum Beispiel im Form von Essen). Im Vergleich zu Deutschland ist es in Russland beschämend, wenn das Kind während der Schulzeit ein Nebenjob oder ein Praktikum ausüben muss. Das zeigt eher die finanziellen Probleme in der Familie. Und umgekehrt: die Eltern können Jahrelang die Ausbildung des Kindes bezahlen in der Hoffnung am Ende von ihm finanziell versorgt zu werden; erwachsene Kinder wohnen oft weiter bei ihren Eltern. Die Verpflichtungen innerhalb der Familie beziehen sich auch auf rituelle Art: Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen haben viele Sitten und dabei darf man nicht fehlen. Da stellt sich die Frage „Wer gehört zu einer Familie“? In Russland ist die Cousine auch ein Teil des näheren Familienkreises. So haben für mich in der Zeit, in der ich in Russland noch gelebt habe, auch die Familie vom Bruder meines Vaters und die Familie der Schwester meiner Mutter zum engsten Kreis der Familie gehört. In einem kollektivistischen Land fühlt man sich sehr stark einer „Wir-Gruppe“ zugehörig.  Stellt euch vor, ihr geht mit euren Freunden ins Kino und erzählt darüber. Wie würdet ihr es formulieren: „Ich und meine Freunde“ oder „wir mit Freunden“? Ich gebe zu, ich habe nie gedacht, dass das wichtig ist. Früher in Russland habe ich immer gesagt „Wir mit den Freunden“. Das ist ein starkes Zeichen für den Kollektivismus.

Die emotionale Ebene zwischen den Menschen in kollektivistischen Ländern ist von besondere Bedeutung, sogar bei der Arbeit. Zuerst muss die Beziehung stimmen, erst dann können Verträge geschlossen werden. Es ist normal bei Männern mit viel Macht und Einfluss das diese zuerst in Banja (Sauna) gehen, um dort Zeit miteinander zu verbringen und dann die Verträge zu schließen. Die Söhne in kollektivistischen Ländern üben oft denselben Beruf wie der Vater aus, in den individualistischen hingegen wählen sie gewöhnlich eine andere Richtung. In kollektivistischen Ländern werden vorzugsweise die Verwandten vom Arbeitgeber angestellt. Das Unternehmen funktioniert dann wie eine große Familie. Das war auch bei uns nicht anders. Im Unternehmen meines Vaters haben viele Familienmitglieder, Freunde, Bekannte aus Armee-Zeiten usw. gearbeitet. Mein Vater hat sich um sie, wie um seine eigene Familie gekümmert und sie haben das Unternehmen und seine Ideen geliebt. 

Die Studie von Herr Hofstede ergab eine umgekehrte Abhängigkeit zwischen Machtdistanz-Dimension und Individualismus: je hoher die Machtdistanz, desto niedriger ist der Individualismus und umgekehrt: Länder mit geringerer Machtdistanz sind individualistischer. Kulturen mit relativ großer Unabhängigkeit von eine Gruppe sind auch weniger abhängig von der Macht der anderen Personen. Die Ausnahmen sind Belgien und Frankreich: sie sind stark individualistisch und haben mittlere Machtdistanz. In Österreich und Israel ist die Machtdistanz gering und Kollektivismus hat einen mittleren Wert, Costa Rica mit ihrer geringen Machtdistanz hat zugleich einen niedrigen Wert für Individualismus. 

Männlichkeit – russische Kultur ist weiblich geprägt. Wie kann das sein?

Die Forschung von Professor Hofstede ergab 36 Punkten für Maskulinität in Russland. Dementsprechend ist das Land eher feminin. An der Spitze der maskulinen Länder sind Slowakei, Japan, Ungarn und Österreich. Die feministischsten Länder der Welt sind laut seiner Studie Schweden, Norwegen und Lettland. Aus der Befragung der IBM-Mitarbeiter hat sich herauskristallisiert, dass für die maskuline Kulturen Einkommen, Anerkennung, Beförderung und Herausforderung wichtig sind. Hingegen liegen in den femininen Ländern die Menschen viel Wert auf ein gutes Verhältnis zum direkten Vorgesetzen, angenehme Zusammenarbeit mit Kollegen, freundliche Umgebung und ein Gefühl von Sicherheit, bzw. die Möglichkeit beim Arbeitgeber so lang wie man will zu arbeiten. Nur in dieser Dimension gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen den Antworten beider Geschlechter, in anderen Dimensionen waren die Unterschiede nicht so deutlich. Für die Männer sind Einkommen und Beförderung wichtig und für die Frauen eine gute Beziehung zum Vorgesetzten und einen sicheren Job.

Herr Hofstede beschreibt, wie die unterschiedlichen Länder die Konfliktsituationen am Arbeitsplatz lösen und wie die Mitarbeiter belohnt werden. Die maskulinen Kulturen bevorzugen einen fairen Kampf, und honoriert wird nach dem Prinzip der Gerechtigkeit (jeder nach seiner Leistung), die Arbeitsmoral lautet dabei „Leben, um zu arbeiten“. Es ist wichtiger mehr zu verdienen, als weniger Zeit bei der Arbeit zu verbringen. In diesen Kulturen haben die Jungen ein Streben nach beruflichem Erfolg, die Mädchen können ihren Weg selbst wählen. 

In femininen Kulturen bevorzugt man gemeinsame Verhandlungen und Kompromisse, um Konflikte zu lösen. Honoriert wird eher nach dem Gleichheits-Prinzip. Hier herrscht das Motto „Arbeiten, um zu leben“ – die kürzere Arbeitszeit wird bevorzugt, sowohl Jungen als auch Mädchen können wählen, ob sie eine Karriere machen wollen.

Weiterhin unterscheiden sich die Kulturen wirtschaftlich: die maskulinen Länder haben einen Wettbewerbsvorteil in Produktion – sie arbeiten schnell und effizient. Die femininen Kulturen sind gut in der Dienstleistung: Beratung, Transport, sowie Landwirtschaft und Biochemie. Laut Herr Hofstede neigen die maskulinen Länder dazu, internationale Konflikte durch Waffengewalt zu lösen und die femininen Länder versuchen einen Kompromiss zu finden und sind bereit zu verhandeln.

Aus dieser Beschreibung würde ich Russland eher als ein maskulines Land bezeichnen: die Konfliktsituationen werden oft direkt besprochen und die Jungs haben keine Wahl – sie müssen gut verdienen. Die Konflikte werden oft durch Gewalt gelöst.

Einen interessanten Unterschied gestaltet die Einkaufsstrategie: in den maskulinen Ländern werden oft die teuren Uhren und echter Schmuck gekauft, die Waren aus dem Ausland sind häufig reizvoller als die Eigenproduktion. In den femininen Ländern wird mehr Geld für zuhause ausgegeben, wird oft selbst genäht, die Zigaretten werden oft selbst gedreht und viele Familien haben eine Kaffeemaschine zuhause – das ist ein Symbol für Zusammengehörigkeit, weil Kaffee für die Gäste immer bereit steht. Auch hier tendiere ich dazu, Russland eher als ein maskulines Land zu sehen: schweizer Uhren, deutsche Autos, japanisches und italienisches Essen und viele andere internationale Produkte gehören in meinem Heimatland zum Status.

Unsicherheitsvermeidung

In diesem Teil seiner Forschung beschreibt Herr Hofstede, wie die Gesellschaft mit dem Fakt einer ungewissen Zukunft umgeht, will man sie kontrollieren oder lässt man die Situation laufen. Mit 95 Punkten steht Russland auf dem Platz 7 nach Malta, Belgien, Uruguay, Guatemala, Portugal und Griechenland. Den IBM-Mitarbeiter wurde unter anderem folgende Frage gestellt „Wie oft sind Sie bei der Arbeit nervös oder angespannt?“ Die Ergebnisse der Studie haben Geert Hofstede überrascht. Unabhängig von der Arbeitsposition und dem Arbeitsbereich waren die Deutschen (mit 65 Punkten) mehr gestresst als die Engländer (mit 35 Punkten). 

Die Unsicherheitsvermeidung beschreibt den Grad, bis zu dem die Mitglieder einer Kultur sich durch uneindeutige oder eine unbekannte Situation bedroht fühlen. Die Studie von Herrn Hofstede ergab, dass in solchen ängstlichen Kulturen wie Russland man laut und emotional spricht, viel gestikuliert, die Menschen sind oft impulsiv, depressiv und verletzlich und vermeiden unbekannte Situationen, Kinder haben öfter Schuldgefühle. In der Arbeitswelt spiegelt es sich in vielen formellen sowie internen Vorschriften wieder, die Menschen arbeiten viel und sind gern beschäftigt. In den Ländern mit hohem Unsicherheitsvermeidungsindex wollen viele selbständig werden. Die allgemeinen Gesetze sind sehr detailliert geschrieben, auch wenn sie oft nicht befolgt werden. Meiner Beobachtung nach sind einige Gesetze in Russland sehr allgemein formuliert, das entspricht nicht der Beschreibung von Geert Hofstede. Dafür fühlen sich tatsächlich viele gestresst, weil Unternehmen von einem auf den anderen Tag aufgelöst werden können. Viele russen wollen ein eigenes Business gründen und ich glaube es bringt ihnen mehr Sicherheit, als in einem fremden Unternehmen zu arbeiten, dazu sind die Voraussetzungen für die Eröffnung einer GmbH (russisches OOO) in Russland viel einfacher als in Deutschland. 

Die Kulturen mit geringer Unsicherheitsvermeidung sind flexibler, bereit neues kennen zu lernen, haben weniger Probleme auf unbekannte Menschen oder Situationen zu stoßen und zugleich einen Schreck vor formellen Regeln am Arbeitsplatz, weil sie die Vorschriften nicht für notwendig halten. Sie haben insgesamt keinen inneren Drang nach Arbeit und entspannen sich gern. In diesen Kulturen herrscht die Meinung, dass die Gesetze zurückgezogen oder geändert werden sollen. Einige dieser Aussagen treffen meiner Meinung nach auf Russland zu, auch wenn Geert Hofstede die russische Kultur als eine mit dem hohen Unsicherheitsvermeidungsgrad klassifiziert . 

Langzeitorientierung des Kulturmodells von Hofstede. 

Der Name dieser Dimension passt perfekt zu dem Inhalt der Studie: die langzeitorientierten Kulturen sind sparsamer, werfen den Blick auf die Zukunft und sehen eine Heirat eher als eine pragmatische zielgerichtete Vereinbarung, in der Schwiegereltern mit den Kindern leben können und die gemeinsamen Interessen der Ehegatten eher geringere Rolle spielen. Die kurzzeitorientierten Länder achten eher auf die Gegenwart und die Vergangenheit, bewahren Traditionen, geben das Geld leichter aus, legen viel Wert auf den Respekt der anderen und Toleranz. 

In seiner „long term orientation“ beschreibt Herr Hofstede Russland mit dem Wert von 81 als ein sehr pragmatisch denkendes Land, in dem Menschen glauben, dass die Wahrheit sich sehr stark von der Situation, Zeit und Kontext unterscheidet, die Traditionen können leicht an sich veränderten Bedingungen angepasst werden und es gibt starke Neigung zu sparen und zu investieren, die Familien werden unter anderem aus den pragmatischen Gründen gebildet.

Aus meiner Sicht ist es zu viel in ein Topf zusammengeworfen . Die Realität ist nicht so eindeutig.

Fangen wir mit der Sparsamkeit an. Meiner Ansicht nach stimmt es nur teilweise. Viele Russen, besonders die junge Generation gibt das Geld sehr leicht aus. Viele Menschen ziehen nach Moskau und Sankt-Petersburg mit dem Traum das Geld zu sparen und zurück in die Heimat-Region zu ziehen. Zwischen einem Wunsch und einer Tat, bzw. einer Möglichkeit liegen Welten. Die Mehrheit davon schafft es nie, ein teures Stadtleben zu finanzieren und zugleich das Geld zur Seite zu legen.

Manche Traditionen verändern sich in Russland, die anderen sterben aus, genauso wie in vielen Ländern. Soweit ich mich erinnern kann, haben wir in meiner Schulzeit circa einmal pro Monat die russische Hymne und Kriegslieder gesungen. Ab dem 1. September 2022 werden das die Schüler jede Woche machen und eine Flagge wird dazu noch gehisst. Die Tradition ist dieselbe, sie wird nur öfter praktiziert. Deswegen würde ich persönlich Russland nicht so klar als eine langzeit orientierte Kultur bezeichnen. 

Genuss – Hofstede. Sicht des Lebens in Russland. 

Die nächste Dimension vergleicht die genussorientierten Länder mit den zurückhaltenden.

Laut IBM-Studie sind die Länder mit der starken hierarchischen Ordnung weniger genussorientiert. Die genussfreudigen Gesellschaften legen weniger Wert auf die Sparsamkeit, behalten eher positive Erinnerungen im Kopf, sind extrovertierter und glücklich in ihrem Familienleben, wo sie die Haushaltsaufgaben überwiegend gleichmäßig verteilen. Die zurückhaltenden Kulturen sind diszipliniert, sparsam, zynisch und legen viel Wert auf die Bewahrung der Ordnung im Land.

Russland nach Herr Geert Hofstede mit dem Wert von 20 Punkten ist ein Land voller Zynismus und Pessimismus, wo kein großer Wert auf Freizeit und Meinungsfreiheit gelegt wird und eine starke Regierung für Ordnung sorgt. Der Studie zufolge sind die Handlungen von Russen durch soziale Normen stark eingeschränkt und es ist nicht üblich sich selbst etwas zu gönnen. Das mag in der Vergangenheit sein, heutzutage sieht das meiner Meinung nach etwas anders aus: jeder will ein gutes Leben haben und einiges erleben. Im Jahr 2022 gibt es viel mehr Möglichkeiten dafür als früher. Ich glaube, dass auch in den vergangenen Jahren sich die Menschen in Russland was gönnen wollten, konnten es aber nicht. Dazu gibt es ein persönliches Beispiel: als meine Mutter Anfang der 1990er Jahre schwanger war, konnte man Zucker nicht einfach so kaufen, sondern nur mit einer Essensmarke bekommen. Es gab keine Möglichkeit mehr zu kriegen und es hat keinen interessiert, dass sie schwanger war und mehr Zucker wollte. In dem Moment hat mein Onkel seinen Teil des Zuckers ihr gegeben. Beide hätten sehr gern mehr Zucker sich gegönnt, nur gab es dafür keine Möglichkeit. Wie oben beschrieben wurde, erscheint auch hier das kollektivistische Denken – die Gruppe steht vor Individuum. Die Eltern müssen oft ihre Güter (zum Beispiel Geld) für die Kinder opfern, um an Ende selbst von den Kindern gut versorgt zu werden. In diesem Fall hat die russische zurückhaltende Kultur viel mehr mit der Situation und Geschichte zu tun. Wer sich die Sachen gönnen kann, macht das, wer nicht – Pech gehabt, muss zurückhalten.  

kirchlich interkulturelle unterwegs
interkulturelle Beziehung mit Russen

Russland von Hofstede ist nicht gleich Russland von heute

Zu guter Letzt will ich ein paar Fakten über Geert Hofstede als Person darstellen und welchen Einfluss es auf seine Kulturdimensionen – Modell hatte. Er wurde im Jahr 1928 geboren, sein erstes Diplom hat er als Maschinenbauingenieur an der „Delft Technical University“ gemacht und hat 10 Jahre den Beruf ausgeübt. Parallel promovierte er als Sozialpsychologe. Später gründete er die Abteilung Personalforschung bei IBM. Vom Jahr 1985 war er Professor für Organisationsanthropologie und internationales Management an der Universität Maastricht in der Niederlande. Später hielt er die Vorlesungen an der Universität Hongkong, in Hawaii, Neuseeland und Australien. In 10 europäischen Ländern verfügte er über ein Ehrendoktortitel. Seine Kulturdimensionen – Modell wird oft kritisiert, unter anderem weil die Mehrheit der Befragten Männer und Ingenieur sind und es ist schwer nur durch die Befragung der IBM-Mitarbeiter den Durschnitt über das ganze Land zu ziehen.  

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass die russische Gesellschaft sich in den letzten Jahren stark entwickelt hat. Die Sicht von Herrn Hofstede mag für die damalige Zeit richtig sein, für das Hier und Jetzt braucht es aber eine Aktualisierung. Außerdem sind die zwei zuletzt eingefügten Dimensionen meiner Meinung nach sehr komplex, sodass eine eindeutige Zuordnung einiger Länder inklusive Russland sich als schwierig darstellt.

Seine Kulturmodell hat trotzdem einen großen Wert und in der Geschichte wird Professor Hofstede immer als der Großvater von Kulturdimensionen bleiben!   

Was denken Sie über das Modell von Geert Hofstede ? Schreiben Sie uns gern Ihre Kommentare auf der Facebook-Homepage.

Verfasst von Iuliia Sotnikova